Hausarrest

2 ZIMMER, KÜCHE, MOTORRAD.

Winter ist eine ziemlich harte Geschichte. Für jeden Biker.

Besonders hart trifft es jedoch Menschen wie Aleksander: Motorradsüchtige, die in Russland leben, wo es noch richtigen Winter gibt.

Aleksander, Galina, Igor, Nikita – wie sie und ihre Leidensgenossen sieben Monate Entzug überstehen, zeigt Valeriy Zaytsev in seiner Bilderserie „Mototoxemia“.

 

Galinas Kajüte
Galinas Kajüte: 15 qm, 21 Plüsch- und zwei Haustiere
Einzimmerapartment, 2. Stock, Sankt Petersburg
Das Leiden der Ekaterina A.: Einzimmerapartment, 2. Stock, Sankt Petersburg

15 Quadratmeter.

Mehr hat Galinas Zimmer nicht. Nun sind 15 Quadratmeter für eine Studentenbude nicht explizit russisch – in Hamburg, Heidelberg, Wien kennt man das auch. Weniger üblich ist dort der Brauch, sein Motorrad mit aufs Zimmer zu nehmen. In Puschkin macht man das.

 

Saugend zwischen Stock- und Einzelbett eingeparkt, überwintert Galinas Honda unter Aufsicht einer Plüschtier-Armada. Keine Rarität vom Schlag einer 750 Four oder Bol d’Or, sondern eine Allerwelts-CB – möchte man denken. „Weil ihr keine Ahnung habt“, würden Galina und ihre Schicksalsgefährten sagen. 

Therapierunde auf Yamaha R6
Gennagiy P.: Therapierunde auf Yamaha R6. Tapeziert wird später.
Nikita R. auf der Couch
Nikita R. auf der Couch: „Ich sitze das irgendwie aus.“

Sie sind auf Entzug.

Versuchen, ihre Motorradsucht in den Griff zu bekommen. Schreiben Gedichte an ihre Maschinen, singen Lieder – von weinenden Minsks, weinenden Javas, von Väterchen Frost, der ihnen die Freiheit auf zwei Rädern verwehrt. „Bis Ende April“, erklärt Valeriy, „geht bei uns in der Oblast Leningrad mit dem Motorrad nichts. Sechs, sieben Monate – das muss man durchstehen. Manche werden dabei depressiv, andere fast verrückt.“

Valeriy Z.: Selbstporträt.
Valeriy Z.: Selbstporträt. See you on www.facebook.com/zaytsevphoto
900er Fireblade im 80-qm-Eigenheim
Igor S.: 900er Fireblade im 80-qm-Eigenheim

Valeriy Zaytsev, 31, Sankt Petersburg –

er weiß, wovon er spricht. War selbst betroffen: Mototoxemia! Medizinisch nicht anerkannt, obwohl in Russland weit verbreitet. Um die massiven Symptome auszuhalten, bugsieren Härtefälle ihre Maschine während der Eiszeit ins Schlafzimmer – durch verwinkelte Treppenhäuser, oft mehrere Stockwerke hoch. „Neben ihr einschlafen, neben ihr aufwachen“ macht den Entzug, laut Valeriy, erträglich.

 

Seine erste große Liebe, eine namenlose Chinesin, überwinterte ebenfalls im Haus. Er wollte, nein, konnte sich nicht von ihr trennen, sprach mit Freunden darüber, offenbarte sich in Chats und erfuhr: „Du bist nicht allein, Bruder. Wir sind viele.“ Bis zur Idee einer Bilderserie war es für den Fotografen nicht weit.

 

Der Titel – logisch: Mototoxemia. „Ich wollte der Welt zeigen, was Menschen aus Liebe zu Motorrädern bereit sind zu tun.“ Bei einigen seiner Protagonisten, gesteht der Künstler, wohnen die Maschinen allerdings nur mangels Garage im Haus. Draußen stehen lassen? Niemals! Viel zu kalt. Und zu viele Begehrlichkeiten. In den Straßen von Sankt Petersburg und Umgebung leben geparkte Motorräder nicht unbedingt sicher.